"Neutralität" – Wo alles sein darf
- Elias Tes
- 4. Nov.
- 4 Min. Lesezeit

"Neutralität" ... die Kunst, mit dem zu sein, was ist
Wir leben in einer Zeit der Re-aktionen. Alles fordert Stellung, Meinung, Entscheidung. Wir sind dauernd dafür oder dagegen, ständig in Bewegung, in Bewertung, im Tun.
Doch hinter dieser Getriebenheit gibt es einen stillen Ort. Einen Ort, an dem nichts ausgeschlossen wird, an dem nichts verteidigt werden muss.
Diesen Ort können wir als Neutralität bezeichnen.
Neutralität ist kein Rückzug, keine Gleichgültigkeit, kein inneres Erkalten. Sie ist eine wertungsfreie Offenheit. Eine Haltung, in der ALLES da sein darf, ohne dass wir uns sofort dagegenstellen oder es festhalten. Sie ist die stille Mitte zwischen Gegensätzen, die der Taoismus seit Jahrtausenden beschreibt: das Yin und Yang, das sich gegenseitig durchdringt, ohne sich zu bekämpfen.
"Neutralität" als gelebter Taoismus
Im Tao Te King heißt es:
„Der Weise handelt nicht, und doch bleibt nichts ungetan.“
Das ist das Prinzip des Wu Wei ... des „Nicht-Handelns“ im Sinne des natürlichen, unangestrengten Handelns. Wu Wei bedeutet nicht Passivität. Es bedeutet, so zu handeln, dass unser Tun im Einklang mit dem natürlichen Fluss der Dinge steht.
Das geschieht, wenn wir nicht aus Reaktion, sondern aus Verbindung mit dem Leben oder auch TAO handeln.
Wenn wir uns nicht vom Widerstand antreiben lassen, sondern aus Klarheit bewegen lassen.
Neutralität ähnelt diesem Zustand. Sie ist das Sein aus dem GANZEN heraus.
Nicht der Versuch, das Wasser zu kontrollieren, sondern sich in seiner Strömung zu bewegen, wissend, dass jedes Hindernis Teil des Weges ist.
Der Taoismus spricht von „Ziran“, dem „So-Sein“, dem, was natürlich ist. Wenn wir neutral sind, betreten wir diesen Raum des Ziran: Wir lassen das Leben so sein, wie es gerade ist und entdecken darin eine Kraft, die ohne Anstrengung wirkt.
"Neutralität" verkörpern
Karl Grunick (Begründer der KörperIntelligenz) beschreibt Neutralität als eine Körperqualität. Nicht als Idee, sondern als unmittelbar erfahrbare Haltung.
Der Körper weiß, wie sich Neutralität anfühlt ... weit, ruhig, klar, zentriert.
Er weiß, wann wir kämpfen, festhalten, flüchten oder übersteuern.
Er weiß auch, wann wir in Balance sind.
Es geht nicht darum, etwas „richtig“ zu machen, sondern darum, wieder wahrzunehmen, was wirklich ist. Der Körper wird zur Landkarte unserer inneren Haltung. Er zeigt uns:
Wo bin ich verengt?
Wo bin ich offen?
Wo weiche ich aus?
Wo bleibe ich im Kontakt?
Wenn wir mit dem Körper in Verbindung treten, erkennen wir:
Neutralität ist kein Gedanke ... sie ist ein SO-SEIN. Eine Erfahrung, geprägt von Geerdetsein, Präsenz und Weite, in dem Handeln wieder stimmig wird.
Der Weg der inneren Kraft
Auch in den östlichen Bewegungskünsten wie Aikido finden wir denselben Geist:
Die Kraft des Lebens fließt dort, wo wir nicht kämpfen.
Wenn ich gegen den Anderen drücke, verliere ich Energie. Wenn ich mit der Bewegung gehe, bleibt Verbindung.
Der Meister wirkt mühelos, weil er nicht gegen das arbeitet, was ist. Er erkennt die Richtung des Flusses und fügt sich hinein .... nicht als Opfer, sondern als bewusster Teil des Ganzen. Neutralität ist hier keine Schwäche, sondern Form von Präsenz und Wirksamkeit.
"Neutralität" in der Praxis
Neutralität beginnt im Kleinen. Im Atem, im Körper, im Moment, in dem ich bemerke: „Da ist Spannung.“ Ich erkenne es und kämpfe nicht dagegen. Ich lasse es da sein. Ich bewerte es nicht als „gut“ oder „schlecht“. Ich bleibe einfach da.
Dieses einfache Sein verändert alles. Denn in dem Moment, in dem ich annehme, was ist, entsteht Raum. Raum, in dem sich etwas von selbst ordnet. Raum, in dem das, was festgehalten war, sich lösen kann. Raum, in dem sich Klarheit zeigt, ohne dass ich sie erzwingen muss.
Annahme statt Widerstand
Wir haben gelernt, auf Spannung mit Gegendruck zu reagieren. Doch das Leben lädt uns ein, den Widerstand loszulassen ... nicht, um uns aufzugeben, sondern um Teil des Ganzen zu werden.
Neutralität bedeutet: Ich erkenne an, dass alles, was auftaucht, einen Platz hat. Auch Angst, Ärger, Zweifel, Schmerz. Ich muss sie nicht mögen, aber ich kann ihnen Raum geben. Denn nur, was ich anerkenne, kann sich wandeln.
Annahme ist also kein passives Dulden .... sie ist vielmehr aktiver Frieden.
Das Paradox des Weges
Wenn wir Neutralität erfahren, entdecken wir ein Paradox: Je weniger wir kontrollieren, desto klarer wird unser Weg. Je weniger wir kämpfen, desto mehr bewegt sich von selbst. Je weniger wir festhalten, desto tiefer erfahren wir Verbundenheit.
Das ist der taoistische Weg .... das Leben leben lassen.
Wie ein Fluss, der ohne Hast, aber unbeirrbar seinen Lauf findet. Wie eine Bambuspflanze, die sich im Sturm biegt, aber nicht bricht.
Impulse für den Alltag ... das Prinzip wirken lassen
Nutze kleine Momente:
Wenn du nicht sofort antwortest, sondern erst atmest.
Wenn du merkst, dass du dich verteidigst und innehältst.
Wenn du spürst, dass etwas eng wird und Raum gibst.
Wenn du in einer Diskussion nicht „gewinnen“ willst, sondern verstehen.
Wenn du dich selbst nicht mehr verbessern musst, um richtig zu sein.
Wenn du "Widerstand" wahrnimmst und dich für Verbindung öffnest
Dann entsteht ein Raum. Ein Raum aus dem Wirksamkeit erwächst.
Weg und Haltung
Dieser Weg ist kein Kurs, keine Methode, keine Technik. Es ist ein Prozess des Erinnerns. Eine Rückkehr in das, was du ohnehin bist.
Je mehr du lernst, zuzulassen, desto mehr offenbart sich das Leben selbst ... klar, still, verbunden.
Wenn du magst, begleite ich dich in dieser Erfahrung . Ob in Seminaren, Shiatsu-Anwendungen oder individuellen Begeleitungen. Wir erforschen gemeinsam, wie Neutralität in dir Form annimmt.
Nicht als Konzept ... sondern als lebendige Präsenz.
Ein erster Schritt
Schließe kurz die Augen. Atme ein. Atme aus. Spüre dich komplett, deinen Körper. Sag innerlich: „So ist es jetzt.“
Mehr braucht es nicht.
„Neutralität ist kein Zustand der Langeweile, sondern u.a. auch die Grundlage dafür, dass deine Lebenskraft fließt und du z.B. gelassener mit Stress umgehen kannst.“



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